11.1.2020

In den Hinterzimmern Berlins — das Dienstagsgespräch

Holocaustleugner, Neonazis, AfD — das "Dienstagsgespräch" von Hans-Ulrich Pieper ist seit 1993 Vernetzungs- und Bildungsort für die extreme Rechte. Ein aktueller Blick auf Pieper und seine Helfer, die Referenten, Veranstaltungsorte und Gäste.

Hans-Ulrich Pieper beim "Dienstagsgespräch" am 8.10.2019 in Friedenau (Foto: Oskar Schwartz)

Bitte wenden Sie sich für Bildrechte an die Fotograf*innen. Recherche 030 hat die Fotos frei zugänglichen Internetquellen entnommen.

Mitte der Woche berichtete der Tagesspiegel über ein geplantes "Dienstagsgespräch" am 14.1.2020 in Berlin-Schmargendorf, bei dem der AfD-Landtagsabgeordnete und Antisemit Wolfgang Gedeon sprechen soll. Die Veranstaltung soll inzwischen abgesagt worden sein. Nichtsdestotrotz möchten wir aus diesem Anlass die aktuellen Hintergründe dieser extrem rechten Veranstaltungsreihe beleuchten.

Beim seit 1993 etwa monatlich stattfindenden "Dienstagsgespräch", das vom NPD-nahen Hans-Ulrich Pieper organisiert wird, kommen Akteure aus den unterschiedlichsten Spektren der extremen Rechten zusammen — von NPD-Funktionären wie Frank Franz, Udo Voigt und Karl Richter über Holocaustleugner wie Bernhard Schaub bis hin zu AfD-Funktionären wie Andreas Wild und Johannes Sondermann. Für die Organisation und Durchführung der Abende arbeitet Pieper mit den Neonazis der NPD-Kampagne "Schutzzone" zusammmen, über die Recherche 030 vor kurzem berichtete.

Hans-Ulrich Pieper wohnt in Charlottenburg in einem luxuriösen Appartmentblock mit Blick auf die Spree. In der Tiefgarage steht sein BMW Z4, an der Tür sitzt ein Pförtner. Im Nebeneingang wohnt der AfD-Abgeordnete und Burschenschafter Marc Vallendar. Bei den "Dienstagsgesprächen" wird Pieper von Detlef Kirch unterstützt, der die Veranstaltungstechnik bereitstellt und persönlich anliefert. Kirch betreibt in Gatow einen Elektroladen.



Von Charlottenburg nach Friedenau – eine Chronik

Im September 2018 geriet das Dienstagsgespräch wieder in den Fokus von Antifaschist*innen. Pieper hatte Martin Sellner, Chef und Aushängeschild der Identitären Bewegung (IB) Österreich, als Referenten angekündigt. Sellner sagte wegen angeblicher Krankheit kurzfristig ab. So sprang Rob Verreycken vom belgischen Vlaams Belang, Mitarbeiter des damaligen NPD-Europaabgeordeneten Udo Voigt, ein.


An Sellners Vortrag waren auch der AfD-Abgeordnete und Steglitz-Zehlendorfer Bezirksvorstand Andreas Wild sowie der ehemalige AfD-Landesschiedsrichter Johannes Sondermann interessiert. Fotos zeigen Wild während der Veranstaltung in unmittelbarer Nähe der NPD-Funktionäre Sebastian Schmidtke und Christian Häger, die 2017 und 2018 die Rudolf-Heß-Märsche in Berlin organisierten. Angesicht der Öffentlichkeit flüchteten sich Wild und Sondermann nach Ende der Veranstaltung in ein Taxi. Länger blieben der Neonazi Harald Bankel, der in Neukölln AfD-Veranstaltungen besuchte, die von Wild technisch betreut wurden, sowie Dietmar Gröper, der seit Jahren häufig an Aktionen der Identitären Bewegung (IB) teilnimmt. Das "Brauhaus Lemke" in Charlottenburg verweigerte zwar die Bewirtung an diesem Abend nicht, will Pieper aber zukünftig nicht mehr als Gast.


Als nächsten Veranstaltungsort akquirierte Pieper ein chinesisches Restaurant in Reinickendorf. Dort referierte am 16.10.2018 Peter Orzechowski zum Thema "Wer beherrscht Deutschland und die Welt von morgen? Das Endspiel der großen Mächte". Orzechowski veröffentlicht im Kopp-Verlag Bücher voller antisemitischer und rassistischer Verschwörungstheorien. In der Ökonaziszene ist Orzechowski wiederum für seine Bücher über Schamanismus und Elementenergie bekannt.

Am 8.1. und 12.2.2019 war der Potsdamer AfD-Aktivist Peter Hild als Referent geladen und nutzte dies zur Verherrlichung der Wehrmacht. Beim ersten Termin hielt er einen Vortrag über die "letzten großen Helden des 2. Dreißigjährigen Krieges 1914-1945". Beim zweiten Termin zeigte und kommentierte er den Film "Verloren in Klessin" von Heintje Peter und hob dabei vermeintlichen Anstand und Opferbereitschaft eines Wehrmachtsoffiziers hervor. Mindestens der Januartermin fand im Löwenbräu am Gendarmenmarkt statt, wo auch Bezirkstreffen und Bürgerdialoge der AfD Friedrichshain-Kreuzberg stattfinden, zuletzt mit dem Bundestagsabgeordneten Stephan Brandner.

In Potsdam tritt Peter Hild regelmäßig als Referent auf AfD-Veranstaltungen auf, mehrmals auch bei der Neonazigruppe "Freies Potsdam". Hild brüstet sich damit, Mitglied der "Ordensgemeinschaft der Ritterkreuzträger" zu sein. Dieser geschichtsrevisionistische Verein verfolgt mit Tagungen, Festen und einem Hilfswerk das Ziel, die Wehrmacht von den faschistischen Kriegsverbrechen und der Unterstützung der Shoah freizusprechen. Der Orden der Ritterkreuzträger wurde von Hitler persönlich als höchste Auszeichnung für die Angehörigen der Waffen-SS sowie der Wehrmacht eingeführt. Auch seine Verbindungen zur "Gedächtnisstätte Guthmannshausen" in Thüringen zeigen, dass der AfD-Aktivist Hild fest im neofaschistischen Milieu verankert ist.

Vor der Europawahl 2019 unterstützte Pieper die NPD mit drei Wahlkampfveranstaltungen im Restaurant "Neumann's" in Moabit. Am 12.3. hatte der NPD-Vorsitzende Frank Franz das Wort, am 2.4. Karl Richter, Mitarbeiter des damaligen NPD-Europaabgeordneten Udo Voigt, und am 7.5. dann schließlich Udo Voigt persönlich.

Am 6.8.2019 war mit Paula P'Cay eine Aktivistin der Montagsmahnwachen-Szene und selbsternannte "Gelbweste" als Vortragende geladen. P'Cay war am 27.4.2019 an einer Kundgebung der verschwörungstheoretischen "Gelben Westen Berlin" vor dem Kanzleramt beteiligt. Mittlerweile arbeiten die "Gelben Westen Berlin" mit den Reichsbürgern von Staatenlos.info zusammen.

Pieper arbeitet bei seinem Stammtisch auch mit den bekannten Holocaustleugnern Bernhard Schaub und Nikolai Nerling zusammen. Nerling, der den Youtube-Kanal "Der Volkslehrer" betreibt, erlangte eine gewisse Bekanntheit, nachdem er von der Senatsverwaltung für Bildung als Lehrer aus dem Schuldienst entlassen wurde. Pieper besucht regelmäßig Nerlings Kundgebungen und lädt wiederum Nerling und Schaub als Referenten ein. Am 8.10.2019 sollte Schaub in einem Restaurant in Friedenau reden, die gesamte Truppe wurde jedoch vom Wirt vor die Tür gesetzt. Zeitgleich hatten Antifaschist*innen vor dem Restaurant demonstriert.

Es war nicht das erste Mal, dass Hans-Ulrich Pieper Holocaustleugnern eine Bühne bot. Bereits 2013 hatte Pieper den britischen Holocaustleugner David Irving zum Dienstagsgespräch eingeladen, kurz nachdem dessen 20-jährige Einreisesperre für Deutschland ausgelaufen war.

"Kamerad mit Boxer-Rüde weist den Weg"

Seit November 2018 sind Robin-Oliver Band, Maurice Pollei und weitere Aktivisten der NPD-Kampagne "Schutzzone" mit dem Schutz der "Dienstagsgespräche" befasst. Sie sind an den Vorträgen nur mäßig interessiert und fahren oftmals unter Drogeneinfluss nach Hause. Vor Beginn der Veranstaltungen stehen zumeist ein oder zwei "Schutzzone"-Aktivisten in der Nähe des Veranstaltungsortes und weisen Gästen den Weg.

Mit dem gleichen Zweck kooperierte Pieper auch mit der inzwischen verbotenen Neonazikameradschaft Frontbann 24. Das Frontbann-Mitglied Hagen Labahn arbeitet heute in Andreas Wilds Zeitarbeitsfirma "Arbeit und Beratung" und war u.a. 2011 bei einem NPD-Aufmarsch in Kreuzberg an Angriffen auf Gegendemonstranten beteiligt.


Fazit

Das "Dienstagsgespräch" ist ein partei- und spektrenübergreifendes Forum für nationalistische, verschwörungstheoretische Inhalte. Die Veranstaltungen mit Stammtischcharakter bringen vermeintlich bürgerliche Anzugträger mit militanten Neonazis, NPD und AfD zusammen. Hans-Ulrich Pieper mietet sich dabei unter falschen Namen (z.B. "Wanderverein", "Historischer Gesprächskreis", "Pieper GmbH") in den Restaurants ein. Die Betreiber*innen bleiben bzgl. der Absichten der Veranstaltungen im Dunkeln und werden von Pieper vorsätzlich getäuscht. In einem abgetrennten Raum oder einem Hinterzimmer in ruhiger Atmosphäre werden die nationalistischen Vorträge durchgeführt. Das "Dienstagsgespräch" besteht zwar seit über 20 Jahren, Pieper schafft es aber dennoch, auch neuere Akteure der extremen Rechten einzubinden und miteinander zu vernetzen, z.B. AfD, Reichsbürger, und "Gelbe Westen".