6.8.2020, aktualisiert 12.8.2020

Angeklagter Beamter ist dienstlich mit Neonazis befasst

Der Polizist Stefan Kollmann steht wegen eines brutalen rassistischen Angriffs vor Gericht. Bei der Polizei Berlin ist er mit Neonazis und der extremen Rechten befasst – mit der als "PMS Rechts" bekannten Einheit begleitete er in Zivil Demonstrationen von "Bärgida".

Stefan Kollmann im Einsatz bei einer Kundgebung von "Bärgida" am 14.9.2015. (Foto: Alex Stifte)

Bitte wenden Sie sich für Bildrechte an die Fotograf*innen. Recherche 030 hat die Fotos frei zugänglichen Internetquellen entnommen.

Im Januar berichtete die taz über ein bemerkenswertes Gerichtsverfahren: Ein Polizeibeamter hatte nach einem Fußballspiel am 5.4.2017 aus rassistischen Motiven einen Mann am S-Bahnhof Karlshorst angegriffen. Stefan Kollmann und bis zu neun Mittäter beschimpften das Opfer rassistisch, brachen ihm die Nase und fügten ihm weitere Kopf- und Schulterverletzungen zu. Die Staatsschutzabteilung der Staatsanwaltschaft erhob Anklage – unüblich für Verfahren gegen Polizeibedienstete – und im Januar wurde am Amtsgericht Tiergarten die Hauptverhandlung gegen Kollmann eröffnet.

Antifas konnten nun rekonstruieren, dass Kollmann offenbar als szenekundiger Beamter dem Dezernat 64 "Aufklärung/Operative Dienste" beim Landeskriminalamt angehört, dessen Zivilkommandos auch PMS genannt werden – in diesem Fall "PMS Rechts". Kollmann war regelmäßig zivilgekleidet bei den extrem rechten Demonstrationen von "Bärgida" am Berliner Hauptbahnhof eingesetzt.

Wir haben inzwischen ein Update veröffentlicht: Stefan Kollmann arbeitet nicht für das LKA, wie hier zuerst berichtet, sondern für die erste Neuköllner Ermittlungsgruppe "Rex", die von 2007 bis 2016 mit den vielen rechten Angriffen im Bezirk befasst war.


Bemerkenswert war auch die damalige Pressemeldung der Polizei zum Angriff in Karlshorst. Es ließ sich geradezu die Überzeugung der Presseabteilung spüren, dass es sich um ein bedauerliches Missverständnis handeln müsse. Der damals 36-jährige Kollmann habe sozusagen schlichtend eingegriffen, weil das Opfer eine Glasflasche in der Hand gehabt habe.

Die bisher vom Gericht vernommenen Zeug*innen zeichnen jedoch ein eindeutiges Bild. Kollmann ist als Haupttäter zu sehen, "Scheiß Ausländer" und weitere Beschimpfungen wurden gerufen, auch "Verpiss dich aus Deutschland, was willst du hier überhaupt". Weitere, von Zeug*innen alarmierte Polizist*innen wurden von Kollmann beschwichtigt: alles in Ordnung, hier seien keine "deutschen Interessen" berührt.

Das Opfer, ein damals 26-jähriger Mann mit Fluchtgeschichte, leidet durch den Angriff auch heute noch unter massiven psychischen Problemen. Um einer zwischenzeitlichen Abschiebung zu entgehen, ging er nach Großbritannien und lebt seit kurzer Zeit wieder in Berlin. Im Prozess gegen Kollmann ist er Nebenkläger. Der Prozess hat für den Betroffenen eine besondere Wichtigkeit, denn das Land Berlin gewährt Opfern rechter Gewalt Bleiberecht – die zuständige Staatsschutzabteilung der Staatsanwaltschaft verdeckt in der Anklageschrift jedoch bisher jedwedes politische Motiv, auch die rassistischen Beleidigungen sind nicht angeklagt.

Stefan Kollmann ist ein weiterer Fall von extrem rechten Machenschaften in der Berliner Polizei, zudem wieder mal in einer Einheit, die offiziell zu genau solchen Aktivitäten ermitteln soll. Unbekannt ist bisher, ob Kollmann auch mit dem Neukölln-Komplex befasst ist, und wie seine Zusammenarbeit mit anderen bekannten rechten Beamt*innen aussieht.